Wie bewerten Marxisten die Zero-COVID-Strategie zur Überwindung des Kapitalismus?

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**Ein Marxist würde Zero COVID in der Regel nicht als Weg zur Überwindung des Kapitalismus bewerten, sondern als Prüfstein dafür, ob eine Gesellschaft Produktion und Alltag dem Schutz von Leben unterordnen kann. Die praktische Konsequenz: Zero COVID kann kapitalistische Prioritäten offenlegen und zeitweise begrenzen, ersetzt aber weder Klassenkampf noch Eigentumsfrage noch demokratische Kontrolle über die Produktion.** ([isj.org.uk](https://isj.org.uk/zero-covid/)) ## Der marxistische Kernpunkt Aus marxistischer Sicht ist die entscheidende Frage nicht nur, **ob** eine Null-Covid-Strategie epidemiologisch wirkt, sondern **welche gesellschaftlichen Verhältnisse** sie trägt. Wenn eine Gesellschaft Infektionsketten konsequent unterbricht, Löhne absichert, Mieten aussetzt, Gesundheitsversorgung ausbaut und Produktion planvoll herunter- oder umstellt, zeigt das: Der Markt ist nicht naturgegeben, sondern politisch übersteuerbar. Genau darin liegt der antikapitalistische Gehalt. ([en.wikipedia.org](https://en.wikipedia.org/wiki/Zero-COVID)) Ein Marxist würde aber ebenso klar sagen: **Das ist noch kein Sozialismus.** Auch ein kapitalistischer oder staatskapitalistischer Staat kann harte Gesundheitsmaßnahmen durchsetzen, solange Eigentum, Klassenherrschaft und die Trennung zwischen Entscheidern und Ausführenden bestehen bleiben. Deshalb ist Zero COVID höchstens ein Feld, auf dem sich der Widerspruch zwischen Profitlogik und gesellschaftlicher Planung zuspitzt. ([internationalviewpoint.org](https://internationalviewpoint.org/Zero-COVID-reopening-and-the-proliferation-of-state-capitalisms)) ## Warum manche Marxisten Zero COVID befürworten würden Der stärkste marxistische Grund **für** Zero COVID ist simpel: Unter Kapitalismus wird Krankheit oft deshalb massenhaft in Kauf genommen, weil Stillstand von Produktion, Logistik und Konsum Profite bedroht. Eine Strategie, die stattdessen Prävention, kollektive Versorgung und Schutz der Arbeiterklasse priorisiert, widerspricht dieser Logik direkt. Genau deshalb wurde auf Teilen der marxistischen Linken argumentiert, dass „mit dem Virus leben“ in Wahrheit heißt, Arbeiter, Arme und gesundheitlich Vorbelastete die Kosten tragen zu lassen. ([leftvoice.org](https://www.leftvoice.org/a-working-class-program-to-fight-the-pandemic/)) Ein marxistisches Ja zu Zero COVID wäre also kein moralisches Ja zu „mehr Verboten“, sondern ein politisches Ja zu **kollektiver Reproduktion statt Profitzwang**. Der Unterschied ist wichtig: Nicht der Lockdown an sich ist marxistisch, sondern die Frage, **wer die Last trägt**. Wenn Konzerne weiter kassieren, während Beschäftigte Einkommen verlieren und isoliert werden, ist das keine linke Pandemiepolitik, sondern Krisenverwaltung auf Kosten der Lohnabhängigen. ([socialistparty.ie](https://www.socialistparty.ie/2021/05/the-covid-crisis-the-capitalist-state-the-role-of-socialists/)) ## Der entscheidende marxistische Einwand Ein Marxist würde die Prämisse korrigieren, dass Zero COVID **den Kapitalismus überwinden** könne. Das kann die Strategie allein nicht. Sie kann zeigen, dass zentrale kapitalistische Dogmen falsch sind: dass der Markt effizienter sei als Planung, dass individuelle Verantwortung kollektive Infrastruktur ersetzen könne und dass wirtschaftliches Wachstum wichtiger sei als Gesundheit. Aber aus dieser Einsicht folgt noch kein Systemwechsel. Ohne Organisierung der Arbeiterklasse, Eingriffe in Eigentumsverhältnisse und demokratische Kontrolle über Schlüsselbereiche bleibt Zero COVID eine staatliche Maßnahme innerhalb bestehender Herrschaftsverhältnisse. ([isj.org.uk](https://isj.org.uk/zero-covid/)) Anders gesagt: **Zero COVID kann den Kapitalismus delegitimieren, aber nicht automatisch abschaffen.** Das ist der Punkt, den viele oberflächliche Debatten auslassen. ## Der große Unterschied innerhalb marxistischer Positionen Hier spaltet sich die marxistische Bewertung deutlich: - **stärker planungsorientierte oder trotzkistische Positionen** sahen in Zero COVID oft eine notwendige öffentliche Gesundheitsstrategie und einen Beweis, dass gesellschaftliche Planung Leben retten kann; ([wsws.org](https://www.wsws.org/en/articles/2023/03/24/ljwc-m24.html)) - **andere marxistische Strömungen** hielten Zero COVID innerhalb des globalen Kapitalismus für begrenzt, widersprüchlich oder autoritär verformt, wenn es ohne Ausbau von Gesundheitswesen, demokratischer Beteiligung und internationaler Solidarität betrieben wird. ([isj.org.uk](https://isj.org.uk/zero-covid/)) Der interessante Punkt ist: Beide Seiten argumentieren marxistisch, aber mit unterschiedlichem Schwerpunkt. Die einen betonen **Planung gegen Marktchaos**, die anderen **Klassenmacht und demokratische Kontrolle gegen bloße Staatssteuerung**. ## Was daraus praktisch folgt Eine konsequent marxistische Bewertung würde Zero COVID nur dann positiv bewerten, wenn die Strategie mit sozialen Garantien verbunden ist: - voller Lohnausgleich - Kündigungsschutz - Miet- und Schuldenerleichterungen - massiver Ausbau des Gesundheitswesens - internationale Impfstoff- und Technologieteilung statt Impfstoffnationalismus - demokratische Mitsprache von Beschäftigten, besonders in Krankenhäusern, Schulen, Logistik und Industrie. ([leftvoice.org](https://www.leftvoice.org/a-working-class-program-to-fight-the-pandemic/)) Ohne diese Elemente wird Zero COVID aus marxistischer Sicht leicht zu etwas anderem: zu einer technokratischen Notstandsverwaltung, die zwar Infektionen drückt, aber die Klassenverhältnisse unangetastet lässt oder sogar verschärft. ([internationalviewpoint.org](https://internationalviewpoint.org/Zero-COVID-reopening-and-the-proliferation-of-state-capitalisms)) ## Klare Einordnung **Ein Marxist würde Zero COVID also eher als sinnvolle antikapitalistische Konfliktlinie als als eigentliche Überwindungsstrategie des Kapitalismus sehen.** Der Mehrwert der Strategie liegt nicht darin, dass sie automatisch Sozialismus erzeugt, sondern darin, dass sie brutal sichtbar macht, wie unvereinbar Profitlogik und konsequenter Gesundheitsschutz sind. ([journals.sagepub.com](https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/1942778620937122)) Der schärfste marxistische Satz dazu wäre: **Zero COVID ist kein Ersatz für Revolution, aber ein konkreter Test, ob eine Gesellschaft nach Bedürfnissen statt nach Verwertung handeln kann.** ([leftvoice.org](https://www.leftvoice.org/a-working-class-program-to-fight-the-pandemic/))

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