Wie unterscheidet sich der Bewusstseinsbegriff in der europäischen Philosophie vom Bewusstseinsbegriff (cit) der indischen Yoga-Philosophie?

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Der Bewusstseinsbegriff unterscheidet sich in der europäischen Philosophie und der indischen Yoga-Philosophie („cit“) grundlegend in Ursprung, Bedeutung und Funktion: **1. Europäische Tradition (Philosophie):** - In der europäischen Philosophie, besonders seit René Descartes („cogito, ergo sum“), wird Bewusstsein meist als das subjektive Erleben, das „Für-sich-Sein“ oder die Fähigkeit zur Selbstreflexion verstanden. - Bewusstsein ist hier oft an das Individuum gebunden, an das Denken, Fühlen und Wahrnehmen eines Subjekts. - Es wird häufig als ein emergentes Phänomen des Gehirns betrachtet, das mit dem individuellen Geist und der Ich-Identität verknüpft ist. - Philosophische Debatten kreisen um Fragen wie: Was ist das Ich Wie entsteht Bewusstsein Gibt es ein „Qualia“-Problem (siehe z.B. [David Chalmers](https://consc.net/), [Thomas Metzinger](https://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/)) **2. Indische Yoga-Philosophie („cit“):** - In der indischen Philosophie, insbesondere im Yoga und Vedanta, bezeichnet „cit“ das reine, universelle Bewusstsein. - „Cit“ ist nicht individuell, sondern das allumfassende, absolute Bewusstsein, das allem zugrunde liegt. Es ist unveränderlich, ewig und die Grundlage aller Erscheinungen. - Das individuelle Bewusstsein (jiva) wird als eine Manifestation oder ein Ausdruck dieses universellen Bewusstseins verstanden. - Ziel der Yoga-Philosophie ist es, die Identifikation mit dem individuellen Geist zu überwinden und das Einssein mit „cit“ (reines Bewusstsein) zu erkennen (vgl. [Advaita Vedanta](https://de.wikipedia.org/wiki/Advaita_Vedanta), [Patanjali Yoga Sutras](https://de.wikipedia.org/wiki/Yoga-Sutra)). **Zusammengefasst:** - **Europäische Philosophie:** Bewusstsein = individuelles, subjektives Erleben, oft an das Ich gebunden. - **Indische Yoga-Philosophie:** „cit“ = universelles, transzendentes Bewusstsein, das allem zugrunde liegt; Ziel ist die Erkenntnis der Einheit mit diesem Bewusstsein. Diese unterschiedlichen Auffassungen prägen die jeweiligen philosophischen und spirituellen Traditionen maßgeblich.

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