Wie lautet linke Kritik an Carl Schmitt aus Sicht Adornos und der Frankfurter Schule?

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Linke Kritik an Carl Schmitt lautet oft: 1. **Dezisionismus statt Demokratie** Schmitt verlagert Politik auf die souveräne Entscheidung im Ausnahmefall. Linke Kritik sagt: Dadurch werden demokratische Verfahren, Deliberation, Rechte und Institutionen entwertet. 2. **Freund-Feind-Denken** Seine Bestimmung des Politischen über die Unterscheidung von Freund und Feind gilt als Zuspitzung gesellschaftlicher Konflikte. Aus linker Sicht naturalisiert das Antagonismus, statt soziale Widersprüche historisch und materiell zu erklären. 3. **Autoritäre Staatsauffassung** Schmitt wird vorgeworfen, starke Exekutive, Ausnahmezustand und politische Einheit über Freiheit und Emanzipation zu stellen. Das erscheint als theoretische Rechtfertigung autoritärer Herrschaft. 4. **Kritik an Liberalismus ohne Emanzipationsperspektive** Zwar kritisiert Schmitt den Liberalismus scharf, aber aus linker Sicht nicht, um Herrschaft abzubauen, sondern um pluralistische und rechtsstaatliche Sicherungen zu schwächen. 5. **Verschleierung sozialer und ökonomischer Verhältnisse** Marxistisch gelesen reduziert Schmitt Politik auf Macht, Entscheidung und Staat. Klassenverhältnisse, Kapitalismus, Ideologie und materielle Interessen treten in den Hintergrund. 6. **Nähe zum Faschismus/Nationalsozialismus** Ein zentraler linker Einwand ist, dass Schmitts Begriffe nicht nur analytisch, sondern politisch belastet sind, weil sie mit autoritärer und faschistischer Politik kompatibel waren und teils zu ihrer Legitimation beitrugen. **Adorno / Frankfurter Schule** würden Schmitt vermutlich besonders so kritisieren: 1. **Identitätszwang und falsche Einheit** Schmitts Idee politischer Einheit erscheint aus frankfurter Sicht als Unterdrückung von Nichtidentischem, Differenz und gesellschaftlicher Vermittlung. 2. **Verdinglichung von Konflikt** Das Freund-Feind-Schema macht komplexe gesellschaftliche Verhältnisse zu starren Blöcken. Für Adorno wäre das eine Form begrifflicher Gewalt: Widersprüche werden nicht kritisch entfaltet, sondern autoritär fixiert. 3. **Autoritärer Charakter** Schmitts Denken könnte als Ausdruck autoritärer Sehnsucht gelesen werden: Entscheidung, Härte, Ordnung, Opferbereitschaft, Feindbindung. 4. **Instrumentelle Vernunft** Statt vernünftiger Selbstreflexion und gesellschaftlicher Kritik dominiert bei Schmitt Machtlogik. Das wäre aus Sicht der Kritischen Theorie ein Rückfall hinter Aufklärung. 5. **Mythisierung des Politischen** Die Aufladung des Politischen mit Ernstfall, Feindschaft und Souveränität könnte als irrationaler, fast mythischer Kern moderner Herrschaft kritisiert werden. 6. **Blindheit gegenüber gesellschaftlicher Totalität** Die Frankfurter Schule würde betonen, dass Staat und Politik nicht isoliert verstanden werden können, sondern aus kapitalistischen Vergesellschaftungsformen hervorgehen. Schmitt bleibt dafür zu staatszentriert. Kurzform: **Marxistisch/linke Kritik**: Schmitt ist anti-liberal, aber nicht emanzipatorisch, sondern autoritär und blind für Klassenverhältnisse. **Adorno/Frankfurter Schule**: Schmitt fixiert Herrschaft, Einheit und Feindschaft begrifflich und reproduziert damit genau die autoritären Strukturen, die kritische Theorie auflösen will.

Kategorie: Philosophie Tags: Schmitt Adorno Kritik

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