Wie funktioniert die Arbeit am Selbstwert nach Psychosen nach Tania Lincoln und Eva Heibach (2017)?

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Die zentrale Aussage ist: **„Arbeit am Selbstwert“ nach Psychosen meint nicht positives Denken, sondern den systematischen Wiederaufbau eines beschädigten Selbstbilds, weil niedriger Selbstwert Rückzug, Depression, Hoffnungslosigkeit und oft auch anhaltende psychotische Belastung verstärkt.** Lincoln und Heibach ordnen Selbstwertarbeit in eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung von Psychosen ein, also nicht als Zusatzthema, sondern als therapeutisch relevanten Kernbereich. ([hogrefe.com](https://www.hogrefe.com/at/shop/media/downloads/sample-reports/BV-RFP_p.pdf)) ## Was mit „Selbstwert nach Psychosen“ gemeint ist Nach einer Psychose ist das Problem oft nicht nur die akute Symptomatik gewesen, sondern die **Bedeutung**, die Betroffene daraus über sich ableiten: „Ich bin kaputt“, „Ich bin gefährlich“, „Ich bin weniger wert als andere“, „Man kann mir nicht mehr trauen“. Genau solche globalen Schlussfolgerungen greifen den Selbstwert an. Der entscheidende Punkt: Der Selbstwert sinkt häufig **nicht nur wegen der Psychose selbst**, sondern wegen ihrer Folgen – Kontrollverlust, Scham, Stigmatisierung, Klinikaufenthalte, Ausbildungs- oder Jobabbrüche, Konflikte in Beziehungen und das Gefühl, gesellschaftlich „zurückgefallen“ zu sein. Forschung zu Psychosen zeigt, dass niedriger Selbstwert eng mit Belastung zusammenhängt; zugleich spielen soziale Abwertung und erlebter Statusverlust eine wichtige Rolle. ([sciencedirect.com](https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0165178115302705)) ## Wie Lincoln und Heibach das therapeutisch einordnen Das Buch von Lincoln und Heibach beschreibt die kognitiv-verhaltenstherapeutische Behandlung von Psychosen und nennt ausdrücklich die Arbeit am individuellen Störungsmodell sowie an auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren. Daraus folgt: Selbstwertarbeit passiert nicht isoliert, sondern wird in das Gesamtmodell der Erkrankung eingebaut. ([hogrefe.com](https://www.hogrefe.com/at/shop/media/downloads/sample-reports/BV-RFP_p.pdf)) Praktisch heißt das: Man fragt nicht nur „Welche Symptome gab es?“, sondern auch: - Was hat die Psychose für dein Bild von dir selbst bedeutet - Welche Überzeugungen über dich sind seitdem entstanden - Welche Situationen halten diese Überzeugungen heute aufrecht - Welche Vermeidungsstrategien schützen kurzfristig, schaden aber langfristig Das ist der Unterschied zu oberflächlichen Ratschlägen. Es geht nicht darum, Selbstwert „zu stärken“, sondern **die Mechanik zu verstehen**, durch die er nach einer Psychose beschädigt und weiter unten gehalten wird. ## Typische selbstwertbezogene Folgen nach Psychosen Besonders häufig sind vier Muster: 1. **Scham nach dem Erlebten** Nicht nur wegen Symptomen wie Stimmenhören oder Wahn, sondern wegen dessen, was man gesagt, getan oder befürchtet hat. 2. **Selbststigma** Fremde Vorurteile werden übernommen: „Wenn ich psychotisch war, bin ich schwach, unberechenbar oder minderwertig.“ 3. **Sozialer Rückzug** Rückzug senkt das Risiko von Kränkung, verhindert aber korrigierende Erfahrungen. Dadurch bleibt das negative Selbstbild stabil. 4. **Depressive Verarbeitung** Viele Betroffene bewerten die Psychose im Nachhinein als biografischen Bruch. Dann wird aus einer Episode schnell eine Identität: nicht „Ich hatte eine Psychose“, sondern „Ich bin ein psychisch zerstörter Mensch“. Gerade dieser letzte Punkt ist therapeutisch wichtig: **Eine Psychose wird gefährlich für den Selbstwert, wenn sie zur Selbstdefinition wird.** ## Wie die Arbeit am Selbstwert konkret abläuft ## 1. Das negative Selbstbild sichtbar machen Am Anfang steht meist nicht Motivation, sondern Präzision. Betroffene sagen oft allgemein: „Mein Selbstwert ist weg.“ Therapeutisch brauchbar wird das erst, wenn die zugrunde liegenden Sätze klar werden. Beispiele: - „Ich bin nicht belastbar.“ - „Andere merken sofort, dass mit mir etwas nicht stimmt.“ - „Ich darf keine Fehler machen, sonst lande ich wieder in einer Krise.“ - „Seit der Psychose bin ich weniger wert als früher.“ Diese Sätze sind wichtig, weil sie Verhalten steuern. Wer glaubt, „instabil“ zu sein, vermeidet Anforderungen. Wer glaubt, „auffällig“ zu sein, meidet Menschen. Wer glaubt, „dauerhaft beschädigt“ zu sein, plant keine Zukunft mehr. ## 2. Herkunft dieser Überzeugungen klären Lincoln und Heibach arbeiten verhaltenstherapeutisch, also funktional: Woher kommt die Überzeugung, und wodurch bleibt sie bestehen Das kann aus der Psychose selbst stammen, aber auch aus Reaktionen des Umfelds. Typische Quellen: - entwürdigende Behandlungserfahrungen - abwertende Kommentare von Angehörigen oder Behandlern - Arbeitsplatzverlust oder Studienabbruch - frühere Verletzungen, die durch die Psychose „bestätigt“ wirken - übertriebene Schonung durch das Umfeld, die ungewollt signalisiert: „Du bist nicht mehr belastbar“ Hier liegt ein wichtiger Unterschied zu vielen Standarderklärungen: **Nicht jede Selbstwertstörung nach Psychose ist primär ein Symptom der Erkrankung. Oft ist sie eine nachvollziehbare Lernerfahrung aus realen Kränkungen und Verlusten.** ## 3. Gedanken nicht nur prüfen, sondern gegen die Realität testen Kognitive Arbeit heißt hier nicht, negative Gedanken einfach durch positive zu ersetzen. Entscheidend ist die Frage: **Welche Belege sprechen wirklich dafür, welche dagegen, und welche Erfahrungen fehlen noch?** Beispiel: - Grundannahme: „Ich halte Stress nicht aus.“ - Kurzfristige Folge: Vermeidung von Terminen, Verantwortung, sozialen Kontakten - Langfristige Folge: keine Gegenbeweise, mehr Hilflosigkeit, noch niedrigerer Selbstwert Dann reicht Diskussion allein nicht. Es braucht Verhaltensversuche: - einen kurzen Termin allein wahrnehmen - eine kleine Aufgabe mit überschaubarem Druck übernehmen - eine soziale Situation bewusst aufsuchen und danach auswerten - Belastung dosiert steigern statt komplett vermeiden Der Selbstwert verbessert sich in diesem Modell nicht durch Zuspruch, sondern durch **wiederholte korrigierende Erfahrung**. ## 4. Scham entgiften Nach Psychosen ist Scham oft toxischer als Angst. Viele Betroffene sprechen eher über Symptome als über die Demütigung, die sie im Rückblick empfinden. Therapeutisch wichtig ist deshalb die Neubewertung: - Eine psychotische Episode ist kein Charakterfehler. - Kontrollverlust unter extremer psychischer Belastung ist nicht moralisches Versagen. - Peinliche oder verstörende Episoden erklären sich oft aus Angst, Übererregung, Schlafmangel, Misstrauen oder Realitätsverkennung – nicht aus „Schlechtsein“. Das ist keine Beschönigung. Es ist die Trennung von **Verantwortung** und **Selbstvernichtung**. Man kann Folgen aufarbeiten, ohne sich als Person abzuwerten. ## 5. Selbststigma gezielt angreifen Selbststigma ist besonders zerstörerisch, weil es das Fremdurteil ins eigene Denken einbaut. Eine randomisierte Studie zu einer Anti-Selbststigma-Intervention bei schweren psychischen Erkrankungen zeigt, dass genau an diesem Punkt therapeutische Arbeit ansetzen kann – also an internalisierten negativen Zuschreibungen, Selbstwert und Lebensqualität. ([link.springer.com](https://link.springer.com/article/10.1007/s00127-017-1385-x)) Für die Praxis bedeutet das: - Vorurteile benennen, nicht diffus lassen - prüfen, ob man sich selbst strenger bewertet als andere - zwischen Diagnose und Identität unterscheiden - alternative Selbstbeschreibungen aufbauen, die nicht um die Erkrankung kreisen Ein starker Satz in der Therapie ist oft nicht „Ich bin gesund“, sondern: **„Ich bin mehr als meine Psychose, und meine Biografie ist nicht auf diese Episode reduzierbar.“** ## 6. Rollen, Kompetenz und Alltag wieder aufbauen Selbstwert stabilisiert sich selten allein im Gespräch. Er steigt, wenn jemand wieder erlebt: „Ich kann etwas bewirken.“ Deshalb ist alltagsbezogener Wiederaufbau zentral: - Tagesstruktur - soziale Rollen - kleine Verantwortungsbereiche - Arbeit, Ausbildung oder sinnvolle Beschäftigung - Hobbys mit sichtbarem Kompetenzgewinn Der wenig beachtete, aber entscheidende Punkt: **Selbstwert wächst nach Psychosen oft zuerst über Funktion und Zugehörigkeit, nicht über Einsicht.** Wer wieder gebraucht wird, erlebt sich anders. ## Was dabei leicht falsch läuft ## Zu frühes „Du musst nur positiver denken“ Das scheitert fast immer. Wenn jemand sich innerlich als beschädigt erlebt, wirken positive Sätze oft künstlich oder beschämend. ## Übermäßige Schonung Dauernde Entlastung kann ungewollt die Botschaft senden: „Du schaffst das nicht.“ Kurzfristig beruhigt das, langfristig senkt es den Selbstwert. ## Nur auf Symptome schauen Wenn Stimmen, Wahn oder Antrieb besser werden, ist der Selbstwert nicht automatisch wiederhergestellt. Viele funktionieren äußerlich schon wieder, fühlen sich innerlich aber dauerhaft entwertet. ## Rückfälle als Beweis der Wertlosigkeit deuten Gerade nach erneuten Krisen kippt das Denken schnell in: „Jetzt ist endgültig klar, dass ich unfähig bin.“ Therapeutisch muss ein Rückfall als **Risikoverlauf**, nicht als **Charakterurteil** eingeordnet werden. ## Woran man merkt, dass die Selbstwertarbeit wirkt Verbesserung zeigt sich meist nicht zuerst in großen Gefühlen, sondern in Verhalten: - weniger Vermeidung - mehr soziale Initiative - realistischere Selbstbeschreibungen - mehr Bereitschaft, Fehler auszuhalten - Zukunftsplanung statt bloßer Schadensbegrenzung - geringere Abhängigkeit von ständiger Rückversicherung Das ist der beste Marker: Nicht „Ich finde mich toll“, sondern **„Ich behandle mich nicht mehr wie einen defekten Menschen.“** ## Die praktische Quintessenz Bei Lincoln und Heibach ist die Arbeit am Selbstwert nach Psychosen am besten so zu verstehen: **Negative Selbstüberzeugungen werden identifiziert, in ihrem Entstehungskontext verstanden, an realen Erfahrungen überprüft und durch neue Rollen, Kompetenzen und soziale Erfahrungen schrittweise korrigiert.** Das Ziel ist nicht ein künstlich hohes Selbstwertgefühl, sondern ein tragfähiges, realistisches und nicht von der Psychose dominiertes Selbstbild. ([hogrefe.com](https://www.hogrefe.com/at/shop/media/downloads/sample-reports/BV-RFP_p.pdf)) Wenn man es auf einen Satz verdichtet: **Die eigentliche therapeutische Aufgabe nach einer Psychose ist oft nicht nur Symptomreduktion, sondern die Rückeroberung der eigenen Person.**

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