Was bewirkt eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit bei fehlender Vollbeschäftigung?
Antwort vom**Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit schafft nicht automatisch mehr Arbeitslosigkeit – aber ohne genügend passende Jobs verlagert sie das Problem oft nur: von früher Rente hin zu mehr Arbeitslosigkeit, Krankheit, Teilzeit oder Abschlägen im Alter.** Die entscheidende Frage ist also nicht nur, ob Menschen länger arbeiten *sollen*, sondern ob der Arbeitsmarkt sie realistisch bis dahin *beschäftigt*. ([bpb.de](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30695/rente-mit-67-probleme-am-arbeitsmarkt/)) ## Was ökonomisch passiert Die verbreitete Vorstellung „Wenn Ältere länger arbeiten, nehmen sie Jüngeren die Stellen weg“ gilt in der Arbeitsmarktforschung überwiegend als Fehlschluss. Jobs sind keine feste Menge. In vielen Fällen arbeiten Jüngere und Ältere nicht in denselben Rollen, sondern ergänzen sich sogar. Frühverrentung hat sich deshalb in OECD-Ländern nicht als verlässliches Mittel gegen Jugendarbeitslosigkeit erwiesen. ([oecd.org](https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2013/07/oecd-employment-outlook-2013_g1g2ef9d/empl_outlook-2013-en.pdf)) Trotzdem folgt daraus **nicht**, dass eine höhere Lebensarbeitszeit unter Unterbeschäftigung problemlos wäre. Wenn Unternehmen Ältere ungern einstellen, Tätigkeiten körperlich zu belastend sind oder Qualifikationen nicht mehr passen, bleiben Menschen länger im Erwerbssystem, ohne tatsächlich länger gute Arbeit zu haben. Dann sinkt nicht die Unterbeschäftigung, sondern sie verschiebt sich in höhere Altersgruppen. ([bpb.de](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30695/rente-mit-67-probleme-am-arbeitsmarkt/)) ## Die praktische Folge bei fehlender Vollbeschäftigung Ohne Vollbeschäftigung gibt es typischerweise vier Effekte: 1. **Mehr Konkurrenz um passende Stellen im höheren Alter.** Vor allem wer gesundheitlich eingeschränkt ist oder aus belastenden Berufen kommt, hat größere Probleme, bis zum höheren Rentenalter durchgehend beschäftigt zu bleiben. ([bpb.de](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30695/rente-mit-67-probleme-am-arbeitsmarkt/)) 2. **Mehr Jahre mit Lücken statt mehr Jahre mit Arbeit.** Formal steigt die Lebensarbeitszeit, real steigen bei einem Teil der Menschen eher Phasen von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Minijobs oder unfreiwilliger Teilzeit. Die Bundesbank verweist selbst darauf, dass Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und offene Stellen zentrale Indikatoren dafür sind, ob der Arbeitsmarkt zusätzliche Arbeitskräfte tatsächlich aufnehmen kann. ([bundesbank.de](https://www.bundesbank.de/de/statistiken/konjunktur-und-preise/beschaeftigung-und-arbeitsmarkt)) 3. **Höheres Risiko von Rentenabschlägen und Altersarmut.** Wer das höhere Rentenalter nicht gesund oder beschäftigt erreicht, muss oft früher mit Abschlägen raus oder zehrt von Ersparnissen. Genau deshalb wurde die „Rente mit 67“ schon früh als für viele Beschäftigte faktisch problematisch bewertet. ([bpb.de](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30695/rente-mit-67-probleme-am-arbeitsmarkt/)) 4. **Druck auf Betriebe und Arbeitsbedingungen.** Eine längere Lebensarbeitszeit funktioniert nur, wenn Arbeitsplätze altersgerecht sind: weniger Verschleiß, mehr Weiterbildung, flexible Arbeitszeiten, andere Aufgabenprofile. Sonst ist die Reform vor allem eine rechnerische, keine reale Verlängerung guter Erwerbsarbeit. ([bpb.de](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30695/rente-mit-67-probleme-am-arbeitsmarkt/)) ## Der entscheidende Unterschied Der Unterschied ist **nicht** „mehr oder weniger Arbeit“, sondern **wer das Risiko trägt**. Bei früherem Rentenzugang trägt einen Teil des Risikos das Rentensystem. Bei späterem Rentenzugang ohne ausreichend aufnahmefähigen Arbeitsmarkt tragen es stärker die Betroffenen selbst: durch längere Jobsuche, gesundheitliche Überlastung oder niedrigere Renten. Das ist der Punkt, der in vielen vereinfachten Debatten fehlt. ([bpb.de](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30695/rente-mit-67-probleme-am-arbeitsmarkt/)) ## Konkretes Beispiel Für eine Ingenieurin im Büro kann längeres Arbeiten realistisch sein. Für einen Dachdecker, Pflegehelfer oder Lagerarbeiter ist dieselbe Anhebung oft etwas völlig anderes: nicht zwei zusätzliche Erwerbsjahre, sondern eher zwei zusätzliche Jahre mit körperlichen Problemen, Erwerbsminderung oder Abschlägen. Genau dort zeigt sich, warum die Frage der Vollbeschäftigung allein noch zu kurz greift – entscheidend ist auch, **welche** Jobs vorhanden sind und ob sie bis 67 oder länger überhaupt machbar sind. ([bpb.de](https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/30695/rente-mit-67-probleme-am-arbeitsmarkt/)) ## Klare Einordnung Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit ist unter fehlender Vollbeschäftigung **nur dann sinnvoll**, wenn gleichzeitig die Beschäftigungschancen Älterer steigen. Sonst verbessert sie die Finanzierungslogik der Rente auf dem Papier, verschärft aber für einen Teil der Menschen das Risiko von Arbeitslosigkeit vor Rentenbeginn und niedrigen Alterseinkommen. ([bundesbank.de](https://www.bundesbank.de/en/tasks/topics/monthly-report-when-insurees-retire-and-how-pension-benefit-reductions-and-increases-could-be-determined-856238))