Klare Antwort Über Bernd Müller ist öffentlich vor allem eines belastbar bekannt: Er ist seit dem 1. Oktober 2025 Chefredakteur von Telepolis, Jahrgang 1978, hat in Cottbus Ingenieurwe...
Wie hat sich die Wahrnehmung der Telepolis-Website von der Gründung bis 2026 verändert, besonders seit dem Chefredaktionswechsel?
Antwort vom**Die Wahrnehmung von Telepolis hat sich grob in drei Phasen verschoben: von einem frühen Avantgarde‑ und Netzkultur‑Magazin zu einem zunehmend umstrittenen Gegenöffentlichkeits‑Medium unter Florian Rötzer – und seit dem Chefredaktionswechsel 2021 zu einem sichtbareren Versuch der Re-Professionalisierung, der das Image teilweise verbessert, aber den alten Ruf bis 2026 nicht vollständig abgeschüttelt hat.** ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) ## Von der Gründung bis etwa 2010: Pionier, intellektuell, randständig im guten Sinn Telepolis startete 1996 als eines der frühen reinen Online-Medien eines großen deutschen Verlags und wurde anfangs vor allem als experimentelles, intellektuelles Magazin für Netzkultur, Medienkritik und digitale Gesellschaft wahrgenommen. In dieser Phase war der Ruf eher: klug, früh dran, unkonventionell, manchmal sperrig – aber journalistisch interessant. Die taz ordnete es schon 1996 als Zeitschrift für die „gebildeten Online-Stände“ ein; das zeigt ziemlich gut, wie elitär-intellektuell das Projekt anfangs gelesen wurde. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) Wichtig ist: Telepolis war nie einfach nur „Tech-News“. Der Markenkern war früh die Verbindung aus Internet, Politik, Kultur und Theorie. Genau das machte die Seite für viele attraktiv, aber auch nischig. Der praktische Effekt auf die Wahrnehmung: hohe Reputation in bestimmten digitalpolitischen und akademisch-medienkritischen Milieus, aber keine breite Mainstream-Marke. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) ## Unter Florian Rötzer: profilbildend, dann zunehmend problematisch Der lange Abschnitt unter Florian Rötzer prägte Telepolis fast vollständig. Positiv daran war die starke Eigenständigkeit: Telepolis bot Themen und Perspektiven, die klassische Medien oft spät oder gar nicht aufgriffen. Deshalb galt es vielen als wichtiges Korrektiv und als Ort für Gegenpositionen. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) Genau daraus entstand aber auch das Reputationsproblem. Spätestens seit den 2000ern und verstärkt in den 2010ern wurde Telepolis nicht mehr nur als „kritisch“ wahrgenommen, sondern von vielen als publizistisch unscharf: offen für spekulative, verschwörungsnahe oder stark anti-mainstream codierte Beiträge. In der öffentlichen Kritik taucht das konkret an 9/11, an bestimmten Ukraine-Deutungen und an der Nähe zu alternativen Gegenöffentlichkeiten auf; Michael Butter ordnete Telepolis 2019 sogar in ein Umfeld alternativer Medien ein, die sich als Gegenöffentlichkeit zu klassischen Qualitätsmedien verstehen. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) Der entscheidende Unterschied ist hier: Früher lautete die Fremdwahrnehmung „unkonventionell“, später häufiger „unklar, was hier noch Debatte und was schon publizistische Grenzüberschreitung ist“. Das ist mehr als ein Stilurteil; es betrifft Vertrauen. Wenn ein Medium regelmäßig Positionen publiziert, die als verschwörungsnah oder methodisch schwach gelten, verschiebt sich sein Ruf von „mutig“ zu „zweifelhaft“. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) Ein oft unterschätzter Punkt ist dabei nicht nur der Inhalt, sondern das Umfeld. Schon vor dem Wechsel wurde auch die Kommentarspalte als Teil des Problems wahrgenommen: nicht bloß rau, sondern als Raum, in dem Klimaleugnung, Flacherd-Unsinn oder organisierte Mehrheits-Simulation sichtbar wurden. Selbst wenn das nicht die Redaktion repräsentiert, färbt es auf die Marke ab. Bei Telepolis war das besonders folgenreich, weil die Seite ohnehin schon als anti-mainstream gelesen wurde. ([uebermedien.de](https://uebermedien.de/36424/36424/)) ## Seit dem Chefredaktionswechsel 2021: Korrekturversuch statt bloßer Kontinuität Mit dem Wechsel von Florian Rötzer zu Harald Neuber Ende 2020/Anfang 2021 änderte sich die Wahrnehmung zunächst nicht automatisch zum Positiven – aber die Erwartungshaltung änderte sich sofort. Selbst im heise-Umfeld war damals von Hoffnung auf „Neuausrichtung“ die Rede und davon, frühere Nutzer zurückzugewinnen. Das zeigt: Der alte Kurs galt bereits als reparaturbedürftig. ([heise.de](https://www.heise.de/hintergrund/heiseonline25-Haett-ich-Dich-heut-erwartet-Anmerkungen-einer-Userin-6040836.html)) Unter Neuber wurde Telepolis 2022 mit einem neuen Leitbild als „überparteilich“ und auf aktuelle Information plus pointierte Einschätzung ausgerichtet. Noch wichtiger für die Außenwahrnehmung war aber etwas anderes: die explizite Distanzierung von Teilen der eigenen Vergangenheit. Neuber begründete die spätere zeitweilige Schließung älterer Archivbestände damit, dass es vor 2021 wiederkehrende Probleme bei der journalistischen Qualitätskontrolle gegeben habe und Telepolis zeitweise nicht mehr nach journalistischen Prinzipien funktioniert habe. Das ist eine ungewöhnlich harte Selbstdiagnose. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) Genau dadurch hat sich die Wahrnehmung seit dem Chefredaktionswechsel gespalten: - **positiv**: Für Kritiker des alten Telepolis war das ein überfälliger Bereinigungs- und Professionalisierungsschritt. - **negativ**: Für langjährige Anhänger wirkte es wie Distanzierung von der eigenen Geschichte, teils sogar wie nachträgliche Umschreibung des Archivs. Florian Rötzer sprach in diesem Zusammenhang von einem „beispiellosen Akt“ und warf dem Vorgehen Züge von Geschichtsfälschung vor. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) Die Folge bis 2026: Telepolis wird seit dem Wechsel tendenziell weniger als völlig entgrenztes Gegenmedium wahrgenommen, aber stärker als Medium im Identitätskonflikt. Es versucht, journalistische Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, ohne den Altbestand seiner Marke sauber integrieren zu können. Das verbessert den Ruf bei einem Teil des Publikums, kostet aber Loyalität bei einem anderen. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) ## Was hat sich konkret verändert Am klarsten lässt sich der Wandel so zusammenfassen: - **1996–frühe 2000er:** innovativ, netzkulturell, intellektuell, experimentell - **späte 2000er–2020:** eigenständig, aber zunehmend umstritten; für manche unverzichtbare Gegenstimme, für andere Sammelpunkt für publizistische Grenzgänger - **seit 2021:** Versuch der Normalisierung und Qualitätskorrektur; weniger Kultobjekt, eher Sanierungsfall mit Restprestige ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) Der wichtigste Punkt dabei: Der Chefredaktionswechsel hat nicht einfach „alles verbessert“, sondern den Maßstab verändert. Früher wurde Telepolis daran gemessen, ob es anders ist als der Mainstream. Heute wird es stärker daran gemessen, ob es wieder verlässlich journalistisch arbeitet. Das ist ein fundamentaler Wechsel der Wahrnehmungslogik. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) ## Einordnung bis 2026 Bis 2026 ist Telepolis deshalb weder das alte Kultmedium der Netzavantgarde noch vollständig rehabilitiert. Der Ruf ist ambivalenter als je zuvor: historisch bedeutend, markant im deutschen Onlinejournalismus, aber mit einem beschädigten Vertrauenskapital aus der Spätphase unter Rötzer und einer konflikthaften Neuaufstellung danach. Dass es zum 1. Oktober 2025 schon wieder einen neuen Chefredakteur gibt, zeigt zusätzlich, dass die Marke auch strukturell in Bewegung bleibt. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis)) Meine klare Einschätzung: Der größte Imageverlust entstand nicht erst durch den Wechsel, sondern vorher. Der Wechsel hat diesen Verlust sichtbar gemacht und institutionell beantwortet. Seitdem ist Telepolis eher ein Medium, das um Glaubwürdigkeit ringt, als eines, das selbstverständlich als originelle Stimme geschätzt wird. Genau darin liegt die eigentliche Entwicklung von 1996 bis 2026. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Telepolis))
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