Gab es im Ersten Weltkrieg Deutsche, die für den russischen Zaren waren?

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**Ja – aber meist nicht als „Deutsche aus dem Deutschen Reich“, sondern als Russlanddeutsche, Baltendeutsche oder andere deutschsprachige Untertanen des Zaren. Viele von ihnen standen im Ersten Weltkrieg tatsächlich auf der Seite des Zarenstaats und dienten sogar in der russischen Armee.** ([russlanddeutschegeschichte.de](https://russlanddeutschegeschichte.de/geschichte/teil2/deutsche/soldaten.htm)) ## Der entscheidende Unterschied Die Frage wirkt nur auf den ersten Blick widersprüchlich. „Deutsch“ bedeutete damals nicht automatisch „Bürger des Deutschen Kaiserreichs“. Im Russischen Reich lebten seit dem 18. Jahrhundert große deutsche Minderheiten – etwa an der Wolga, im Schwarzmeergebiet, in Wolhynien und im Baltikum. Diese Menschen waren ethnisch deutsch, politisch aber russische Untertanen. ([ome-lexikon.uni-oldenburg.de](https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/laender/russland-russisches-reich)) Für sie war Loyalität zum Zaren deshalb nichts Ungewöhnliches. Viele Familien lebten seit Generationen im Zarenreich, hatten dort Land, Berufe, Militärkarrieren und eine rechtliche Bindung an den russischen Staat. ([bpb.de](https://www.bpb.de/themen/migration-integration/russlanddeutsche/255396/vom-kolonisten-in-russland-zum-bundesbuerger/)) ## Im Krieg hieß das ganz konkret Russlanddeutsche kämpften im Ersten Weltkrieg in erheblicher Zahl für Russland. Genannt werden rund 250.000 Kolonisten im russischen Militärdienst im Jahr 1916; dazu kamen viele Mennoniten in Sanitätseinheiten. Das zeigt klar: Es gab nicht nur einzelne, sondern sehr viele Deutsche im ethnischen Sinn, die auf Seiten des Zarenreichs standen. ([russlanddeutschegeschichte.de](https://russlanddeutschegeschichte.de/geschichte/teil2/deutsche/soldaten.htm)) Gerade darin lag ihre Tragik: Obwohl viele loyal dienten, wurden sie im Krieg oft trotzdem als potenziell unzuverlässig oder als „innerer Feind“ behandelt. Antideutsche Stimmung, Enteignungen, Vertreibungspläne und Übergriffe trafen auch jene, die dem Zarenstaat treu waren. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Ausschreitungen_in_Moskau_1915)) ## Was eher nicht gemeint sein sollte Wenn du mit „deutsche“ ausdrücklich Bürger des Deutschen Kaiserreichs meinst, dann lautet die Antwort anders: Dass Reichsdeutsche offen „für den Zaren“ gewesen wären, war im Krieg politisch randständig. Es gab zwar einzelne konservative oder dynastisch denkende Personen mit Sympathien für Monarchien allgemein, aber Deutschland kämpfte 1914–1917 militärisch gegen das Zarenreich. Eine nennenswerte pro-zarische Bewegung im Deutschen Reich gab es nicht. Das ist der wichtige Unterschied. ([de.wikipedia.org](https://de.wikipedia.org/wiki/Ostfront_%28Erster_Weltkrieg%29)) ## Kurz gesagt Ja, es gab im Ersten Weltkrieg Deutsche, die für den Zaren waren – vor allem die deutschen Minderheiten im Russischen Reich. Der häufige Denkfehler ist, ethnische Herkunft und Staatszugehörigkeit gleichzusetzen. Genau das traf damals nicht zu.