Welche Studien zeigen Vor- und Nachteile der Abschaffung von Noten?

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**Es gibt keine saubere Studienlage, die pauschal zeigt: „Noten abschaffen ist gut“ oder „Noten abschaffen ist schlecht“. Die Forschung zeigt etwas Präziseres: Noten steigern oft kurzfristig Leistung und Anpassung an Anforderungen, verschlechtern aber häufig Lernmotivation, Stressniveau und die Orientierung auf echtes Verstehen.** ([link.springer.com](https://link.springer.com/article/10.1007/s11092-025-09454-z)) ## Was Studien eher **für** weniger oder keine Noten zeigen Ein wichtiger Klassiker ist die Übersichtsarbeit von **Harlen & Deakin Crick (2002)**, auf die neuere Forschung immer wieder verweist: Wenn Schülerinnen und Schüler stark über Noten bewertet werden, richtet sich ihre Aufmerksamkeit eher auf Vergleich, Fehlervermeidung und „Wie bekomme ich Punkte?“ statt auf den Lerninhalt selbst. Gerade leistungsschwächere Kinder reagieren darauf oft mit Demotivation. Das wird auch in neueren Arbeiten so zusammengefasst. ([frontiersin.org](https://www.frontiersin.org/journals/education/articles/10.3389/feduc.2026.1726594/full)) Eine neuere **Scoping Review zu „reduced grading“** kommt zu einem ähnlichen Muster: In vielen untersuchten Veröffentlichungen wurde berichtet, dass weniger Noten oder notenfreie Phasen die Beziehung zwischen Lehrkraft und Lernenden verbessern und Motivation für das Lernen selbst stärken können. Gleichzeitig ist die Evidenz uneinheitlich, weil die Modelle sehr verschieden sind: „ohne Noten“ heißt in Studien oft nicht völliger Verzicht, sondern mehr Feedback, spätere Benotung oder andere Bewertungsformen. ([sciencedirect.com](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0742051X23003244)) Auch qualitative neuere Studien aus Skandinavien zeigen: Viele Schülerinnen und Schüler erleben Noten zugleich als Antrieb **und** als Stressor. Das ist wichtig, weil es die übliche Schwarz-Weiß-Debatte korrigiert. Noten motivieren nicht einfach, sondern sie motivieren oft extrinsisch – also auf Ergebnis, Vergleich und Absicherung hin. ([link.springer.com](https://link.springer.com/article/10.1007/s11092-025-09454-z)) ## Was Studien eher **gegen** eine komplette Abschaffung zeigen Die Gegenposition ist ebenfalls gut begründet: Noten sind trotz aller Schwächen ein relativ kompaktes Signal für Leistung und sagen den weiteren Schulerfolg durchaus brauchbar voraus. Die bpb fasst dazu Forschung so zusammen, dass gute Noten am Ende der Grundschule den späteren Schulerfolg recht gut vorhersagen. Das heißt nicht, dass Noten objektiv oder fair perfekt wären – aber sie haben Selektions- und Prognosefunktion. ([bpb.de](https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/213307/das-dilemma-mit-den-schulnoten/)) Neuere Literatur zu „reduced grading“ betont deshalb auch die Kehrseite: Wenn Noten reduziert oder abgeschafft werden, entstehen Probleme bei Vergleichbarkeit, Auswahlentscheidungen und externer Orientierung. Besonders dort, wo Schulen Übergänge regeln müssen – etwa zu weiterführenden Schulen, Ausbildung oder Studium –, ersetzen alternative Verfahren die Note nicht automatisch besser. ([sciencedirect.com](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0742051X23003244)) Der entscheidende Punkt ist: **Viele positive Effekte kommen nicht durch das bloße Weglassen der Note, sondern durch besseren Ersatz** – also präzises Feedback, klare Kriterien, Lernstandsdiagnostik und transparente Rückmeldungen. „Keine Noten“ ohne gutes Feedback ist pädagogisch meist schwächer als ein System mit wenigen Noten und gutem Feedback. Diese Differenz fehlt in vielen Debatten. ([sciencedirect.com](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0742051X23003244)) ## Welche Studien du dir konkret merken solltest - **Harlen & Deakin Crick (2002)**: häufig zitierte Review; zeigt negative Effekte summativer Bewertung/Noten auf Motivation und Lernorientierung, besonders bei schwächeren Schülern. Erwähnt in neueren Forschungsüberblicken. ([frontiersin.org](https://www.frontiersin.org/journals/education/articles/10.3389/feduc.2026.1726594/full)) - **Reduced grading in assessment: A scoping review (2023)**: guter Überblick über Forschung zu weniger Benotung, ungrading und notenfreien Phasen; Ergebnis insgesamt gemischt, aber mit Vorteilen bei Motivation und Beziehungsgestaltung. ([sciencedirect.com](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0742051X23003244)) - **Students’ perceptions of how grades influence their motivation (2025)**: zeigt aus Schülersicht sehr klar die Doppelwirkung von Noten – Antrieb auf der einen, Stress und Selbstwertprobleme auf der anderen Seite. ([link.springer.com](https://link.springer.com/article/10.1007/s11092-025-09454-z)) - **Grades as motivators or stressors (2026)**: neuere empirische Arbeit, die ebenfalls festhält, dass es keinen klaren Konsens gibt und dass die Wirkung stark von Leistungsniveau und Kontext abhängt. ([frontiersin.org](https://www.frontiersin.org/journals/education/articles/10.3389/feduc.2026.1726594/full)) - **bpb: Das Dilemma mit den Schulnoten**: keine Primärstudie, aber eine brauchbare deutschsprachige Einordnung der Forschung zu Prognosekraft, Vergleichbarkeit und Problemen von Noten. ([bpb.de](https://www.bpb.de/themen/bildung/dossier-bildung/213307/das-dilemma-mit-den-schulnoten/)) ## Klare Einordnung **Wenn mit „Abschaffung von Noten“ einfach nur gemeint ist, Zahlen wegzulassen, ist die Forschung nicht eindeutig positiv. Wenn damit aber gemeint ist, Noten durch gutes, konkretes Feedback und transparente Leistungsrückmeldung zu ersetzen, spricht viel dafür – vor allem für Motivation und tieferes Lernen.** Der häufigste Denkfehler ist deshalb: Nicht **Noten vs. keine Noten** ist die eigentliche Frage, sondern **Noten vs. bessere Leistungsrückmeldung**. Genau dort liegt der Unterschied zwischen pädagogisch sinnvoller Reform und bloßem Symbolwechsel. ([sciencedirect.com](https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0742051X23003244))

Kategorie: Bildung Tags: Noten Studien Schule

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