Die Rezeptionsästhetik ist eine literaturwissenschaftliche Theorie, die sich mit der Rolle des Lesers bei der Interpretation und Bedeutung von Texten beschäftigt. Sie wurde in den 1960er und 1970er Jahren maßgeblich von Hans Robert Jauß und Wolfgang Iser entwickelt. Im Gegensatz zu traditionellen Ansätzen, die den Text oder den Autor in den Mittelpunkt stellen, betont die Rezeptionsästhetik die aktive Beteiligung des Lesers am Entstehungsprozess der Bedeutung eines Werkes. Zentrale Konzepte der Rezeptionsästhetik sind: 1. **Horizont der Erwartungen**: Dies bezieht sich auf die Erwartungen, die ein Leser aufgrund seiner kulturellen und historischen Erfahrungen an einen Text hat. Diese Erwartungen beeinflussen, wie der Text verstanden und interpretiert wird. 2. **Leerstelle**: Texte enthalten oft Lücken oder Unbestimmtheiten, die der Leser durch seine eigene Vorstellungskraft und Interpretation füllen muss. Diese Leerstellen fordern den Leser zur aktiven Teilnahme am Textverständnis auf. 3. **Wirkungsgeschichte**: Die Rezeptionsästhetik untersucht auch, wie die Bedeutung eines Textes sich im Laufe der Zeit verändert, je nachdem, wie verschiedene Leser und Kulturen ihn interpretieren. Durch diese Ansätze wird deutlich, dass die Bedeutung eines literarischen Werkes nicht fest und unveränderlich ist, sondern durch die Interaktion zwischen Text und Leser entsteht.